(380) Nathan der Weise


„Wie lange wird es dauern, bis der Mensch ein Mensch wird?“ – Die Internationale Freie Theatergruppe UNSER THEATER inszenierte eine moderne und kurzlebige Version von dem schöngeistigen Klassiker Lessings!

        

Gotthold Epharim Lessing war der erste unserer drei ganz großen deutschen Dichter des 18. Jahrhunderts. Dennoch sind seine Werke im Gegensatz zu denen Goethes oder Schillers meist weniger bekannt. In der Schule stolpern wir hauptsächlich über Goethes Zauberlehrling oder Schillers Glocke. Auch Faust, Götz von Berlichingen und die Räuber sind vielen ein Begriff, aber die großen und bedeutsamen Werke Lessings, wie zum Beispiel „die Juden“ oder „Nathan der Weise“ – stehen oft im Schatten der großen Werke Goethes oder Schillers.

Dieses wollte der Theaterregisseur Limeik Topchi ändern. Im Frühjahr 2016 hatte er die Idee mit seiner Theatergruppe das Stück „Nathan der Weise“ aufzuführen. Das Stück, welches aufgrund seiner zentralen Hauptthemen „Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile“ nach wie vor einen ganz großen Bezug zur Aktualität besitzt, hielt den Regisseur im Vorfeld aber erst einmal ein wenig auf Trapp, denn es begann eine recht umfangreiche Recherchearbeit. Limeik Topchi wollte mehr über das eigentliche, fast 250 Jahre alte Stück und seine bisherigen Theateraufführungen erfahren, und machte sich zusammen mit der Professorin für Bulgaristik und Slawistik Frau Rumjana Zlatanova von der Universität Heidelberg auch in seinem Heimatland Bulgarien auf die Suche, um muttersprachliche Instruktionen des Stückes zu erhalten. Topchi findet auch sehr wichtige Informationen aus der damaligen Zeit in dem Buch Die Kreuzzüge. Krieg im Namen Gottes“ von Peter Milger.

Zusammen mit dem Mannheimer Autor Klaus Servene erarbeitete er eine neue und moderne Bühnenfassung, ohne die Originaltexte des Stücks zu verändern. Aus diesem sehr intensiven und fruchtbaren Zusammenwirken entstand dann auch die Idee mehrere Videoclips zu drehen in denen Weltchöre synchronsprechend agieren.  Diese sollten dann später bei der Aufführung entweder als Präludien oder Intermezzi mittels Projektoren auf einer Leinwand im Hintergrund eingespielt werden. Somit ist das Stück Nathan der Weise in der multimedialen und audiovisuellen Neuzeit angekommen.

Dementsprechend groß war nicht nur die Vorfreude bei allen Akteuren auf die Premiere des Stücks in der Mannheimer Abendakademie, sondern auch das Interesse seitens der Bevölkerung. So war der große Festsaal der Abendakademie am letzten Samstag nahezu bis auf den letzten Platz gefüllt, und Regisseur Topchi präsentierte sich bereits im Vorfeld voller Enthusiasmus sprühend den Gästen und stellte noch die letzten Weichen dafür, damit später bei der Aufführung des Stücks auch alles gut über die Bühne laufen konnte.

Ein mobiles und bildschön gestaltetes Bühnenbild weckte lange vor der Aufführung das Interesse unseres ersten Vorsitzenden Alexander Höfer. Hierfür zeichnete sich der bulgarische Maler Professor Spartak Paskalevski verantwortlich, den Topchi als Künstler gewinnen konnte.

 

Nun aber zu der Aufführung.

Zu Beginn laufen auf der Bühne Menschen suchend umher. Menschen, so wie ich und du. Menschen, alle unterschiedliche und doch alle gleich. Menschen, sie sind der zentrale Mittelpunkt von Lessings Drama, das unweigerlich auf ihre eigentliche Gleichheit aufmerksam macht, unabhängig davon, welche Religion der einzelne jeweils besitzt.

      

Das Thema ist leider heute immer noch topaktuell, denn es ist primär die Religion, die uns entweder als ein Instrument der Ausgrenzung oder eine „Waffe“ der Machtausübung, bzw. „Saatgut“ für das Schüren von Vorurteilen dient. Topchi führt uns das emotionale Drama des 18. Jahrhunderts, rund um den hilfsbereiten, selbstlosen und nachhaltig denkenden Juden Nathan, mit seinen großartigen Darstellern, verbunden mit der stillen Botschaft „Jeder kann Nathan sein!“ sehr authentisch und tiefgehend vor Augen.

      

Verstärkt wurde der Bezug zur Aktualität mit den Einspielungen der Videoclips, in denen die Schauspieler einerseits die primitive Bedürfnisbefriedungsgesellschaft kritisch parodierten, und andererseits vergeblich nach Menschen suchten. Alles, was sie fanden war jedoch nur „Angst, Wut, Hass, Krieg, und Menschen, die die Welt zerstören!“ – Regisseur Topchi inszenierte diese zentralen Themen in zehn düsteren Videos so drastisch, dass sich einem der Angstschauder auf den Nacken setzte.

„Sucht euch eine andere Welt. Wir wollen diese – eure Welt nicht!“

      

Nachdenken ist also angesagt, oder noch besser, über etwas nachdenken, nämlich über die Fragen des Sinns des Seins, bzw. ob einstige Überlieferungen tatsächlich richtig sind, und wenn ja, welche Überlieferungen wahr sind, die des Christentums, die des Judentums oder die des Islams. Oder sind vielleicht sogar alle falsch, sprich nur erfundene Geschichten? – Lessing lässt dem Zuschauer diese Frage in dem Stück Nathan der Weise offen.

Die Besonderheit dieser Fassung, die uns das UNSER THEATER heute präsentierte, ist sicherlich diese, dass alle nahezu Darsteller auf der Bühne unterschiedlicher Herkunft sind, und daher alle auch aus verschiedenen Kulturkreisen stammen. Trotzdem stellen sie dieses Stück gemeinsam auf die Bühne. Auch die einzelnen Akzente der Akteure wirken unheimlich sympathisch und passen irgendwie kongenial in den Kontext des Stücks, das ja auch in mehreren Kulturkreisen gleichzeitig spielt. Der Punkt auf dem i-Tüpfelchen war allerdings die Live-Synchronisation des Sultans durch den Regisseur selbst. 

So verging die zweieinhalbstündige Vorstellung dieses klassischen Dramas wie im Fluge, und das Schauspiel erfuhr ihren Zenit damit, dass die Kinder des Theaters die emotionale Schlussbotschaft und Quintessenz des Stücks lautstark von der Bühne rufen durften. Die Kraft dieser wünschenswerten und hoffnugnsvollen Worte „Es wird ein Tag kommen, an dem die Menschen…“ war so stark, dass sie zumindest uns noch auf dem kompletten Nachhauseweg im Geiste weiterbegleiteten. 

„Es wird ein Tag kommen…ein Tag, an dem die Kraft des Miteinanders auf der ganzen Welt triumphiert…

Es wird ein Tag kommen, an dem sich die Menschen ihrer Sinne bedienen, um diese Welt freier und vernünftiger zu machen…

Es wird ein Tag kommen, an dem die Menschen offener und ehrlicher sein werden…mit überlieferten und neuen Doktrinen aufräumen…mit der Macht des Geldes brechen…völlig neu denken werden!

An diesem Tag werden die Menschen mit der Unkultur Schluss gemacht haben! Sie werden leichten und offenen Herzens sagen können, von Mensch zu Mensch: Wir sind doch Geschwister unter einer Sonne, unter einer einzigen Sonne! Verzeih mir Bruder, verzeih Schwester, denn ich habe euch bisher nicht als Mitmenschen erkannt! Ich habe die Welt als Objekt betrachtet, mich nicht als ein Teilchen von ihr gesehen, als Marienkäfer im Hochgebirge. Aber jetzt – jetzt hat sich alles geändert, alles! Ich habe euch lieb, bleibt locker, wir schaffen es zusammen, Kopf hoch!

Es wird der Tag kommen, an dem wir alle frei sind, wir selbst zu sein!

Es wird der Tag kommen!

 „Wir warten auf den Tag an dem wir alle gleich sind, und es Frieden auf Erden gibt!“

Nathan der Weise wird in den nächsten Wochen noch zwei Mal aufgeführt. Wer also bei der Premiere nicht dabei sein konnte, hat am 07. April um 19.00 Uhr in der Kulturkirche Epiphanias in Mannheim-Feudenheim und am 29. April um 19.00 Uhr im Bürgerzentrum Heidelberg-Kirchheim, nochmals die Möglichkeit das Stück live zu erleben. Wir empfehlen es euch wärmstens.

 

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