(324) Hat Deutschland ein kulturelles Problem? – (8. Teil)


Sind alle Flüchtlinge in der Lage die Deutsche Sprache zu erlernen? – Oder, wie schwer ist es eigentlich Deutsch, bzw. Arabisch, Finnisch oder Ungarisch zu lernen? – Benötigt man dafür eine besondere Sprachbegabung? – Und wie lange hast du gebraucht, um Ungarisch verstehen und sprechen zu können?

img_7212Das sind die Hauptthemen zu denen unser erster Vorsitzender im 8. Teil der gesellschaftskritischen Reihe „Hat Deutschland ein kulturelles Problem?“ Stellung bezieht.

„Die Flüchtlinge sollen so schnell wie möglich Deutsch lernen, damit sie besser integriert werden können!“, so der große Wunsch der Bundesregierung. Das hört sich zwar sehr schön und vernünftig an, doch wie realistisch ist dieser Wunsch überhaupt, bzw., wie schwer ist es eigentlich eine Sprache zu erlernen, die fernab der eigenen Sprache, und besonders der eigenen Grammatik liegt?

img_7233Das ist in der Tat eine gute Frage. Und dass es sich hierbei für sehr viele Menschen um eine absolut unüberwindbare Hürde handelt, und wie schwer es tatsächlich ist, eine Sprache zu erlernen (zu verstehen), die über eine völlig andere Grammatik und über ein komplett anderes Sprachverständnis verfügt, und daher auch die Wörter und Sätze völlig anders zusammenbaut, das macht unser erster Vorsitzender an mehreren einfachen Finnischen Beispielsätzen ganz eindrucksvoll deutlich.

img_7231Alexander Höfer wählte hier ganz bewusst die Finnische Sprache aus, weil die Finnische Sprache, die einzige Fremdsprache ist, die wir als Deutsche fehlerfrei lesen können, ohne jemals ein Wort Finnisch gelernt zu haben. Um die Komplexität der Sprache deutlich zu machen, wählte er auch ganz bewusst nur einfache Sätze aus, wie zum Beispiel „Minulla on talo“, zu Deutsch „Ich habe ein Haus“.

Das hört sich im ersten Moment tatsächlich nicht wirklich schwierig an, doch bei genauerer Betrachtung der Grammatik ändert sich dieser erste Eindruck ziemlich schnell. Deshalb möchten wir euch diesen Satz jetzt mal in seiner grammatikalischen Struktur präsentieren.

Minulla on talo.

Grammatik: Personalpronomen + Adessiv-Suffix (bei) + Hilfsverb sein (3. Person Singular.) + Objekt (Nominativ) – Das Zahlwort ist nicht erforderlich!

Wörtlich: Ich-bei ist Haus.

Deutsch: Ich habe ein Haus.

alex-8-3Wir sehen also, dass die uns bekannte Satzstellung – Subjekt, Prädikat, Objekt – die wir ja in allen germanischen, romanischen, slawischen und großteils auch indogermanischen Sprachen vorfinden, bereits in diesem kleinen Satz völlig anders ist; ja selbst sogar das Akkusativobjekt fehlt gänzlich. Das Hilfsverb „haben“ gibt es im Finnischen nicht. Es wird aus dem Personalpronomen plus dem Adessiv-Suffix (bei) und dem Hilfsverb „sein“ in der 3. Person Singular gebildet, obwohl es sich der Satz, um die erste Person „Ich“ dreht. Interessanter wird es jedoch, wenn man zwei Häuser besitzt. Das heißt dann nämlich:

Minulla on kaksi taloa.

Grammatik: Personalpronomen + Adessiv-Suffix (bei) + sein (3. Person Singular) + Zahl (Nominativ) + Objekt Partitiv (Singular)!

Wörtlich: Ich-bei ist zwei Haus.

Deutsch: Ich habe zwei Häuser.

img_7235Das Objekt steht jetzt in einem Fall, den es in der Deutschen Sprache nicht gibt, nämlich im Partitiv, und auch noch im Singular. Das ist für unser Gehirn nicht wirklich nachvollziehbar. Ganz besonders interessant wird es allerdings erst dann, wenn man den Satz verneint. Das geht dann so:  

Minulla ei ole kahta taloa.

Grammatik: Personalpronomen + Adessiv-Suffix (bei) + nicht (3. Pers. sing.) + sein (Verneinversion) + Partitivform des Zahlwortes + Objekt Partitiv (Singular)!

Wörtlich: Ich-bei (er) nichtet sei zwei Haus.

Deutsch: Ich habe keine zwei Häuser.

img_7236Ja, das Finnische konjugiert tatsächlich die Negation, also das Wort „nicht“, und verwendet in diesem Zusammenhang aber nicht die erste Person Singular, was eigentlich logisch wäre, sondern die Negation der dritten Person. Weil es sich bei diesem Satz ja um eine zählbare Verneinung handelt, wird dann natürlich auch noch das Zahlwort im Partitiv verwendet. Ist die Negation nicht zählbar, dann verwendet man den Akkusativ, oder den Genetiv-Akkusativ.

img_7214Vor einigen Jahren belegte unser erster Vorsitzender einen Finnisch-Kurs. „In der ersten Stunde waren wir zu zwölft“, so Alexander Höfer. „Darunter waren ein Professor für Romanistik, der perfekt Französisch und Italienisch sprach, eine Dolmetscherin für Englisch und Spanisch, zwei Doktoren, einer aus dem Uni-Klinikum und einer vom Max-Planck-Institut, sowie einige Leuten, die Finnisch lernen wollten, weil ihr Partner oder ihre Partnerin aus Finnland kamen, und ein paar interessierte Leute, die nächstes Jahr nach Finnland in Urlaub fahren wollten.

alex-8-5„Nach der sechsten Unterrichtsstunde waren wir nur noch zu fünft; nach der zehnten nur noch zu dritt, und in den letzten beiden Stunden war ich mit der Lehrerin alleine!“, so Alexander Höfer. Anhand der folgenden zwei einfachen Beispielsätze – „Ich muss ein neues Auto kaufen, bzw., ich muss kein neues Auto kaufen. – wird deutlich, warum.

Minun täytyy ostaa uusi auto.

Grammatik: Personalpronomen (Genetiv-Form) + muss (3. Person Singualar)  + Verb (1. Infinitivform) + Adjektiv + Objekt (Nominativ)

Wörtlich: Meines muss kaufen neu Auto.

Deutsch: Ich muss ein neues Auto kaufen.

img_7239Bei diesen Sätzen haben wir plötzlich ein völlig anderes Personalpronomen, also nicht wie vorhin „Minulla“, sondern „Minun“. Das Hilfsverb „muss“ steht nicht in der ersten Person Singular, sondern in der dritten Person. Das Hilfsverb „muss“ gibt es auch nur in der dritten Person Singular. Um den Satz richtig zu bilden, verwendet man die erste Infinitivform des Verbs – Hier möchten wir erwähnen, dass das Finnische über vier, manchmal auch über fünf Infinitive verfügt, die je nach dem, in welcher Situation man sich gerade befindet, verwendet werden. Zu guter Letzt steht das Objekt natürlich auch nicht im Akkusativ sondern im Nominativ. Richtig „lustig“ wird es aber erst bei der Verneinung dieses Satzes. Die geht dann nämlich so:

Minun ei tarvitse ostaa uutta autoa.

Grammatik: Personalpronomen (Genetiv-Form) + nicht (3. Person Sing.) + sein (Verneinversion) + nötig (3. Person Sing.) + Verb (1. Infinitivform) + Adjektiv (Partitivform) + Objekt (Partitivform).

Wörtlich: Meines er nichtet nötig kaufen neue Autot.

Deutsch: Ich muss kein neues Auto kaufen.

alex-aselDas Wort „muss“ kennt im Finnischen keine Negation, deshalb wird es durch das Wort „nötig“ ersetzt. Adjektiv und Objekt stehen natürlich jetzt wieder im Partitiv, da es sich ja bei diesem Satz um eine zählbare Verneinung handelt.

Machen wir zum Abschluss des linguistischen Bereiches vielleicht noch dieses hochinteressante finnische Wortbeispiel:

Aseleponeuvottelutoimikunta

Bedeutung auf Deutsch: Ausschuss zur Durchführung von Verhandlungen über die Einstellung von bewaffneten Feindseligkeiten.

Bitte habt jetzt Verständnis dafür, dass wir uns die grammatikalische Herleitung dieses Wortes aus Platzgründen ersparen.

img_7233So, das waren jetzt ein paar ganz leichte und einfache Beispielsätze (ohne Nebensätze oder Passivkonstruktionen), einer Sprache, die wir als Deutsche problemlos lesen können, obwohl wir sie noch niemals gelernt haben.

Wer eine Sprache wie Finnisch, Ungarisch oder Arabisch (er-)lernen möchte, benötigt dafür nicht nur eine besondere Sprachbegabung, sondern auch jede Menge Ambition und eine Überdosis Fleiß diese Sprache wirklich erlernen zu wollen. Sind diese drei Grundvoraussetzungen nicht vorhanden, ist es unmöglich eine dieser Sprachen zu erlernen, oder sie img_7236so gut zu erlernen, dass man sich im Alltag überall verständigen kann.

Hinsichtlich der Flüchtlinge kommt nun die ganz große Schwierigkeit hinzu, dass laut Statistik 38% Analphabeten sind und gut 50% der Frauen KEINE Schulbildung besitzen, also niemals eine Schule besucht haben. Ein nicht geringer Teil der Flüchtlinge verfügt ebenfalls über eine sehr schwache Schulbildung. Das sind alles keine guten Grundvoraussetzungen, um eine fremde Sprache zu erlernen, oder anders gesagt, die gerade von uns aufgeführten Gruppen werden niemals die Deutsche Sprache erlernen können, selbst auch dann img_7245nicht, wenn sie jeden Tag einen Deutschkurs erhalten.

Alexander Höfer, der als einer von ganz wenigen Deutschen die Ungarische Sprache auf einem ganz beachtlichen Niveau erlernt hat, spricht in dem Interview ebenfalls darüber, wie viel Aufwand, Mühe und vor allem Fleiß notwendig war, um diese schwere Sprache so gut zu erlernen, dass er heute problemlos in der Lage ist  Kinder und Jugendliche im pädagogischen Bereich anzuleiten, oder an Elternabenden in der Schule zu partizipieren und bei Ärzten zu dolmetschen.

img_721312 Stunden Ungarischer Kindergarten von Montag bis Freitag, danach zwei Stunden schreiben, lesen und Wörter (Liedtexte) übersetzen, plus anderthalb Stunden mit dem Walkman (heute MP3-Player) und mit Ungarischer Musik und mit Sprachtexten im Ohr spazieren gehen, und im Anschluss daran noch den Abendfilm im Ungarischen Fernsehen anschauen; sprich, täglich 18 Stunden (!) Ungarisch, und das ein ganzes Jahr lang, waren für unseren ersten Vorsitzenden notwendig, um dann die ersten kleinen Sätze, so wie oben in den finnischen Beispielen img_7239aufgeführt, selbständig bilden und auch frei sprechen zu können. Sätze, wie „Ich habe ein Auto“, oder „Ich habe Hunger“, bzw. „Wo ist das Krankenhaus?“, reichen aber bei Weitem noch nicht aus, um sich richtig mit den Menschen unterhalten zu können. Das dauerte dann noch einmal drei ganze Jahre, und erforderte natürlich auch den gleichen Lern- und Arbeitsaufwand, zumal die Grammatik ja in allen Sätzen vorhanden ist; und je länger die Sätze werden, desto komplizierter wird auch die Grammatik, wie das dieses eindrucksvolles Beispiel zeigt, das wir auf Wikipedia gefunden haben:

 

„Turhan aikaisin talvihorroksesta herännyt siili kierteli kajaanilaisen omakotitalon pihamaalla myöhään keskiviikkoiltana.“

Wörtlich: Übermäßig früh Winterschlaf-aus erwacht Igel kreiste Kajaanier Einfamilienhauses Hof-auf spät Mittwochabend-an.

Deutsch: Ein vorzeitig aus dem Winterschlaf erwachter Igel streifte am späten Mittwochabend auf dem Hof eines Einfamilienhauses in Kajaani herum.

img_7227„Nah, Frau Merkel und Herr Gabriel, oder Herr Fontagnier! – Wären Sie in der Lage ab morgen Finnisch, Ungarisch oder Arabisch zu lernen, und wenn „JA“, wie lange würden Sie dafür benötigen bis sie sich wirklich mit den Menschen auf Arabisch unterhalten und sich in allen Alltagssituation sicher zurechtfinden könnten? – Ein Jahr, zwei Jahre, fünf Jahre …? – Erst wenn Sie liebe Politiker, Visionäre oder Idealisten diese Frage für sich richtig beantworten können, dann können Sie auch die Frage richtig beantworten, ob alle Flüchtlinge wirklich in der Lage sind die Deutsche Sprache zu erlernen, oder ob es nicht anstatt eines Deutschkurses für eine bessere Integration sinnvoller wäre, und erheblich schneller gehen würde, in Syrien endlich Frieden zu schaffen, damit diese Menschen wieder in ihre geliebte Heimat zurückkehren können.

Denn eines, liebe Politker, das müssen Sie auf jeden Fall wissen. Es ist nämlich genauso schwer für Deutsche Arabisch zu lernen, wie für Arabisch sprechende Menschen Deutsch. 

Sowohl auf den Bildern, als auch im 8. Teil unserer Filmreihe haben wir zwei kleine Fehler eingebaut. Wer sie findet, der gewinnt freien Eintritt beim nächsten Konzert, das wir besuchen. 





 

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Arabisch, Finnisch oder Ungarisch lernen ist in etwa genauso schwer, wie wenn man ab morgen alles, was man mit den Händen macht, mit den Füßen machen müsste und umgekehrt. Aber wer sich mit den Füßen ein Butterbrot schmieren kann, der kann noch lange nicht Schreibmaschine schreiben, Gemüse schälen oder Autofahren! – (Alexander Höfer)

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