(500) Abenteuer in Györgytarló (1)


Hüpfende Hunde! – Kuschelnde Yoga- und Meditationskatzen! – Eine Massagepraxis für Schweine! – Und spürbare Armut! – ANIMUS KLUB bot zwei Wochen Abenteuerferien in Ostungarn!

      

Knapp vier Jahre ist es schon her, als wir das letzte Mal die ärmere Region Ungarns, weit im Osten des Landes mit einigen Kindern besucht haben. Zwar wollten wir aufgrund der bildschönen Erinnerungen auch in den letzten vier Jahren sehr gerne das Dorf Györgytarló wieder besuchen, um den ärmsten Menschen Kleidung und den Kindern Spielsachen mitzubringen, aber sowohl die drastische gesundheitliche Verschlechterung des Vaters unseres 1. Vorsitzenden, als auch andere schwierige Umstände, inklusive die generelle und sehr drastische Interessensverschiebung der Jugend, weg vom Leben, hin zur reinen Bedürfnisbefriedigung und der medialen Vereinsamung, machten leider keine Freizeit mehr möglich.

Erst nach dem Tode unseres Mitglieds Gerhard Höfer und seiner Hinterlassenschaft von sehr vielen gut erhaltenen Kleidungsstücken, sowie dem Gewinn neuer und am Leben noch interessierter Kinder, war die Möglichkeit wieder gegeben, Györgytarló spontan über die Osterferien zu besuchen.

Das kleine 650-Einwohnerdorf, das 2001 unter einer großen Überschwemmung und mehreren Epidemie-Krankheiten in existenzielle Nöte geriet, kämpft auch heute noch tagtäglich ums Überleben. Die Schwierigkeiten sind 2018 allerdings andere, als zu der Zeit der Jahrtausendwende. Die Urbanisierung, ein Problem, das wir auch schon in unserem Artikel „Einsamkeit“ angesprochen haben, ließ das Dorf in den letzten 10 Jahren bevölkerungsmäßig ganz heftig altern und ausbluten. Viele junge Menschen verließen Györgytarló und zogen in die umliegenden oder etwas entfernteren Städte. So halbierte sich die ohnehin schon damals sehr geringe Schülerzahl von 95 auf heute gerade Mal 45 Schüler, was unmittelbar zur Folge hatte, dass seit diesem Jahr die ersten vier Klassen zusammen unterrichtet werden müssen, und die 7. Klasse gerade mal von vier Kindern besucht wird.  

Zwar ist es dem Bürgermeister István Oláh gelungen in den letzten 10 Jahren sowohl mit Eigenfinanzierung als auch teilweise mit staatlichen Unterstützungen die Straßen mit Bürgersteigen, Kanälen und Straßenlampen zu versehen, und gleichzeitig das Herzstück des kleinen Dörfchens in ein sehr schönes Schmuckkästchen zu verwandeln. Gegen die zunehmende Verschlechterung der Lebenslage, sowie die sehr hohe Arbeitslosigkeit, beides insbesondere dadurch verursacht, dass die Regierung Viktor Orbáns dem Osten Ungarns in den letzten acht Jahren wirtschaftlich so gut wie keine Aufmerksamkeit schenkte, konnte er jedoch nichts entgegensetzen. Gerade die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor ein ganz großes Problem in der gesamten Region. Es gibt einfach keine Arbeit, obwohl hochwertige Heilwasserquellen und ertragsreiche Felder en Masse vorhanden sind. Investoren fehlen gänzlich.

Die sichtbare Armut, die heuer in vielen Familien leider wieder auf dem Niveau von 2001 angekommen ist, war auch der erste bleibende Eindruck mit dem unsere Kinder bereits am ersten Tag ganz heftig konfrontiert wurden. Gut ein Drittel der Häuser befinden sich in einem mehr oder weniger ruinösen Zustand. Bei einigen Gebäuden hat man das Gefühl, dass der Zweite Weltkrieg gerade gestern beendet wurde. Fenster, Türen aber auch Ziegel sind zerbrochen, oder fehlen gänzlich. Häuserfassaden zieren große Risse oder zerbrechen horizontal. „Hier leben, wohnen, lernen…!“ – Eigentlich unvorstellbar.

Viele Fragen kamen daher bei unseren Besuchern in den Familien auf. „Wie schaffen die Leute das?“ – „Wie kommen sie durch den Winter, ohne Fenster und ohne Türen?“ – Aber auch die Suche nach dem „Warum?“, beschäftigte unsere Kinder sehr. Gleichzeitig waren sie unheimlich angetan davon, welche großteils herzensgute und gastfreundliche Menschen dort wohnen. Selbst die ärmsten reichten ihnen etwas von dem Wenigen, das sie zum Essen und Trinken hatten, und zeigten ihnen gleich darauf stolz ihre reiche Tierwelt.

In Györgytarló gibt es nach wie vor jede Menge Hasen, Hunde, Katzen, Pferde, Schweine, Hühner und anderes Federvieh. Überall aus den Hecken, Höfen und Stallungen bellte, miaute oder raschelte es. Mehr oder weniger überwältigt von dieser Tier- und Artenvielfalt bestand unser zweiter Tag dann fast ausschließlich aus einem Streichelzoo.

Unsere Tour durch das Dorf begann dieses Mal bei Laci Sárosi, der die größten Stallungen in Györgytarló besitzt. Hier entpuppten sich unsere Kids zur Überraschung des Gastherrn als unheimlich talentierte Masseure, und brachten es sogar fertig den gewichtigen Eber Edgar so gefühlvoll zu streicheln, dass dieser sich wenig später auf den Rücken legte und es förmlich genoss von den beiden nach allen Regeln der Kunst durchmassiert zu werden.

Neben dem Eber Edgar hat Laci Sárosi auch vier große Säue und jede Menge Ferkelchen, sowie Stallhasen. Als Dankeschön für die fantastischen Massageleistungen bekamen wir zwei große ungarische Würste aus eigener Schlachtung zum Abendessen mit nach Hause.

Als nächstes durften wir uns mit den drei Meditations- und Jogakatzen von József und Erzsi Kajati beschäftigen. Diese drei Katzen genießen hier im Dorf aufgrund ihrer Positionslust, sowie ihres großen Unterhaltungswertes Kultstatus. Eine der drei Katzen sonnt sich meist ganz genüsslich und gechillt auf dem Rücken liegend im Tulpenbeet. Eine andere liegt häufig wie ein zusammengerollter Wurm in einem prämeditativen Zustand im Hof und wartet nur darauf stundenlang gekrault zu werden. Kajatis Garten bietet seit gut drei Jahren quasi eine Relax-Oase für lärm- oder großstadtgeschädigte Menschen, um darin unmittelbar zur Ruhe zu kommen. Bei Kajatis fühlte sich nicht nur Liam, der zu Hause ebenfalls drei Katzen hat, sofort heimisch, sondern auch Marlon fand mit Hund Oszta einen neuen Freund. 

Mehrere Stunden verbrachten wir in der Zeit unseres Aufenthaltes dort und streichelten die Katzen in hypnotische Zustände, oder spielten im hinteren Teil des Hofes mit dem unermüdlichen, genial lieben und vor großer Freude meterhochhüpfenden Hund Oszta Ball bis zum Gehtnichtmehr.

Weiter ging es mit den Tauben von Onkel Dezső. 30 Stück flattern derzeit in seinem Gehege herum. Unterschiedliche Arten durften wir hier kennenlernen und auch auf den Arm nehmen. Parallel dazu hatten wir die Möglichkeit Hühner einzufangen, was gar nicht so einfach war, denn immer wenn wir dachten, dass wir ein Huhn greifen konnten, flatterte es wie wild davon. Eine wilde Verfolgungsjagt quer durch den Garten von Onkel Dezső, die Außenstallungen  und die Hecken begann. Gut 10 Minuten dauerte es bis unsere Jungs mit Hilfe ihres Freundes Bence Pacsuta das Huhn so einkreisen konnten, dass Liam es im richtigen Moment greifen konnte. Dass unseren Jungs diese Aktion riesigen Spaß machte, sah man ihnen regelrecht an, denn sie strahlten nicht nur über das ganze Gesicht, sondern auch ihre Kleider waren so buntgefärbt, dass sie diese auf jeden Fall wechseln mussten, bevor unser zweiter Tag in Györgytarló mit einer tollen Geburtstagfeier bei István Oláh Junior zu Ende gehen konnte.

      

Vergleichbar aufregend begann auch der 3. Tag, denn unsere Kiddies durften heute das erste Mal die ungarische Schule besuchen. „Was, ihr habt Ferien und geht in die Schule (!?!)“ … Aber klar doch. Denn auch das ist eine neue Erfahrung, die nicht jedes Kind im Leben machen kann. Da unsere Kinder kein Ungarisch sprechen, haben wir für sie einen speziellen Stundenplan zusammengestellt, bei dem sie zwischen der fünften und sechsten Klasse hin- und herpendeln durften. So gab es für sie zunächst einmal Musik, Englisch und Zeichnen in der sechsten Klasse, danach Sport mit der fünften und sechsten Klasse zusammen, und zum Schluss noch einmal eine Stunde Englisch in der fünften Klasse.

      

Das anschließende Freizeitprogramm gehörte dann wieder ganz den Tieren, in diesem Fall den Pferden, und wie könnte es in Ungarn auch anders sein, dem Essen. Überall wo wir hinkamen, durften wir etwas von den deftigen und süßen Spezialitäten probieren.

Fußballspielen, war daher eine ideale Freizeitbeschäftigung, um den vielen Kalorien Herr zu werden. So spielten unsere Kids entweder am Nachmittag oder in den frühen Abendstunden regelmäßig Fußball mit den Dorfkindern. Die Integration funktioniert in Györgytarló auch heute immer noch problemlos, und dauert in der Regel noch nicht einmal eine Minute. „Da sein, und sofort anerkannt sein, obwohl man die Sprache nicht spricht!“ – Das gibt es hierzulande nicht wirklich. Das einzige, was unsere Kinder für diese schnelle Integration allerdings benötigten, war die Gabe, sich auf die Kinder des Dorfes und das dortige Leben einzulassen, und genau das haben unsere eigentlich nicht an Fußball interessierten Kiddies richtig gut gemacht, denn sie spielten mit den anderen Kindern Fußball, und hatten ganz großen Spaß dabei.

Das erlebnisreiche 12-Stundenprogramm des dritten Tages machte die Jungs allerdings auch sehr müde, und so lagen sie bereits um 20.00 Uhr in ihren Betten und schliefen wie die Engel. Wie es weiter geht, und was wir sonst noch erlebt haben, das erfahrt ihr in unserem zweiten Teil.   



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