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VALITUSKUORO! – BESCHWER DICH! – Ludwigshafener Kunstverein bot audiovisuelle Ausstellung über die Beschwerde-Chöre aus aller Welt!

Finnland, das Land der Tausend Seen und einer extrem unverständlichen Sprache, stand ja bereits bei einem unserer letzten Besuche im Ludwigshafener Kunstverein im Mittelpunkt der Ausstellung. Dieses Mal erwartete uns jedoch ein völlig anderes Genre hinsichtlich Kunst, nämlich eine rein audiovisuelle Installation.

Bereits in der traditionellen Vorstellungsrunde machte die Künstlerin Janet Grau nicht nur auf diese Kunstform aufmerksam, sondern auch auf den inhaltlichen Beschwerdekontext. „BESCHWER DICH“, so der Aufruf, auch von den Studenten der FH Ludwigshafen, die vor ein paar Wochen durch die Straßen zogen, und zu einem unheimlich feierlichen Gesang ihre Beschwerden und Klagen gegen die Politik und die Gesellschaft lautstark zum Besten gaben. Ein bisschen sah sich unser Vorsitzender in seine Studienzeit zurückversetzt, denn damals Ende der Neunziger demonstrierte er zusammen mit seinen Mitkommilitonen und Dozenten eine ganze Woche lang gegen den Bildungszerfall, und gegen den Bau eines Euro-Fighters, der damals 30 Milliarden Euro Steuergelder verschlang. So fanden damals die Vorlesungen in Straßenbahnen oder Bussen statt, und in einer beeindruckenden Demonstration zogen die Studenten von der Ludwigshafener Innenstadt bis nach Oggersheim in die Nähe von der Villa Helmut Kohls, und ließen ihrem Frust dort an Ort und Stelle freien Lauf, indem sie symbolisch ein Euro-Fighter Modell für den Frieden in Tausend Stücke zertrümmerten.

Genutzt hat diese Aktion leider, wie fast immer, nicht wirklich viel. Auch heute, 20 Jahre später, scheint die Politik blind, bzw. nichts gelernt zu haben. Alles dreht sich weiterhin nur ums liebe Geld und Profitgier der großen Wirtschaftsfunktionäre, aber nicht um Bildung, Schöngeist oder soziale Gerechtigkeit. Was hier schon seit Jahren zerstört wird, das wird langfristig ganz große Schäden, insbesondere im sozialen Bereich und dem Zusammenleben anrichten. So ist die Situation für die heutigen Studenten noch wesentlich schlechter als vor 20 Jahren.

Die beiden finnischen Künstler Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen haben 2005 aus ihrer Finnischen Redewendung „Valituskuoro“, was man auf Deutsch in etwa mit „Beschwerde-Chor“ übersetzen kann, einen weltweiten Hype ins Rollen gebracht. Als erstes Video entstand „Complaints Choir of Birmingham“, das insbesondere auf youtube großen Anklang fand. Ziel war es sämtliche Beschwerden und Verärgerungen der Studenten in einem Lied zusammenzufassen und dieses solidarisch als Chor zu präsentieren.

In den letzten 14 Jahren haben sich unzählige Fachhochschulen und Universitäten weltweit an diesem Projekt beteiligt, und ihrerseits ihre Beschwerden in Chorliedern präsentiert. Heute kamen wir nun in dem Workshop „Wieso? – Weshalb? – Warum?“ in den Genuss dieser unheimlich eindrucksvollen Gesangspräsentationen.

So ist der ganze Ausstellungsraum des Kunstvereins eingehüllt in mehrere Großbildleinwände, die über Beamer die Werke aus unterschiedlichen Ländern und Städten zeigen. Neben dem ersten Beschwerde-Chor-Video aus England (Birmingham), gibt es auch Beiträge aus Deutschland (Berlin, Dresden und Hamburg) zu sehen, sowie natürlich aus Finnland (Helsinki), den USA (Chicago), Dänemark (Kopenhagen), Indien (Singnapur), und Japan (Tokyo).  

Damit die Besucher die Werke verstehen können, sind alle Werke mit englischen Untertiteln versehen. Zwei Präsentationen – das Original aus Birmingham und die emotionale Darbietung aus Singnapur durften wir miterleben, bevor es im Atelier dann künstlerisch zur Sache ging. Wir durften nämlich nun unser eigenes Beschwerdeplakat entwerfen.

Und da kamen wie immer unheimlich viele Ideen zusammen. So wussten unsere Kinder an diesem Tag gar nicht, wo sie anfangen sollten ihre Gedanken zu verwirklichen, und wo aufhören, denn Beschwerden hatten unsere Kinder ziemlich viele. Die Schule ist „Scheiße“! – Dann mal ich vielleicht eine Schule mit einem Hundehaufen als Dach! – Das Warten an der Kasse ist ätzend. Dann male ich vielleicht einen Supermarkt mit einer Kasse die durchdreht. Donald Trump ist ein ***** …

Es gab Hunderte solcher Gedanken, die wir in Bilder ausdrücken wollten. Doch die Gedanken zu zeichnen, also in einem aussagekräftigen Bild widerzuspiegeln, das war dann doch weitaus schwerer als gedacht. Hier mussten unsere Kiddies dann doch einen Gang zurückrudern, denn nicht alles, was sie sich ausgedacht haben, konnten sie ausmalen.

Fortan wurde eine gute Stunde gemalt und experimentiert, aber auch hin und wieder als willkommene Abwechslung gespielt. So gingen wir dieses Mal nicht nur mit ein paar Beschwerdeplakaten nach Hause, sondern auch noch mit dem Sound das „HA-HO-HI-Spiels“.

Wir bedanken uns wie immer sehr bei Janet Grau für diesen tollen Workshop und die besonderen Momente, die wir dieses Mal wieder mit nach Hause nehmen durften. Wir freuen uns heute schon auf den Herbst, wenn wir uns für ein neues Themengebiet wieder die Frage stellen dürfen: „Wieso? – Weshalb? – Warum?“

Bilder: Alexander Höfer

 

 

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