(649) Györgytarló 2019 – (2)


38° Grad Hitze! – 50 Millionen Schnaken! – Und Tausende Schlaglöcher! – Liam Chappuis wird Zweiter beim 2,6 Kilometer-Extrem-Lauf in Györgytarló!

  

Die erste Aktion, die wir an unserem vierten Tag in Györgytarló durchgeführt haben, begann aufgrund der extremen Hitze bereits um 7.00 Uhr morgens; die einzige Zeit, in der eine sportliche Betätigung noch einigermaßen gut möglich war. Laufkoordination und die Vorbereitung für den großen 2-Kilometerlauf standen auf unserem Programm. Waren hier vor gut acht Wochen noch ganz starke Mängel bei unseren Kindern sichtbar, führte das regelmäßige Training nicht nur bei unseren Mädchen, sondern auch bei Liam dazu, dass er sich immer besser bewegen konnte. Bestimmte Abläufe, die vor einem Monat noch nicht wirklich möglich waren, sind für ihn heute bereits sehr gut und jederzeit abrufbar, sodass unser Vorsitzender die Anforderungen steigern und intensivieren konnte, ohne ihn zu überfordern. Gerade bei starke Hitze gilt: „Größte Vorsicht!“ – So lief Liam an diesem Vormittag zur Vorbereitung auf den Lauf nur noch einmal knapp 1.000 Meter in einer Sechsminutenzeit.

Nach einer kräftigen Dusche und einer kleinen Erholungsphase stand nun ein Besuch im Kindergarten an. In diesem Jahr konnten wir leider keine Plüschtiere mitbringen; dafür aber etwas, das die Kinder hier im Dorf genauso lieben, nämlich Gummibärchen. Gummibärchen sind in Ungarn extrem teuer. Sie kosten fast dreimal so viel, wie bei uns in Deutschland, und wenn man bedenkt, dass viele Eltern hier noch nicht einmal 200 Euro monatlich für ihre Familie zum Leben zur Verfügung haben, dann sind sie eigentlich unerschwinglich. So freuten sich die Kinder natürlich riesig über unsere Liebesherzchen, und Liam durfte gleich mal drei Runden ausgeben.

Damit unsere Leser einen besseren Eindruck davon bekommen, wie es um die aktuelle soziale Lage in Györgytarló bestellt ist, haben wir auch in diesem Jahr wieder ein paar arme und hilfsbedürftige Familien besucht, und ihnen nicht nur unsere Zeit geschenkt. Olivér und seine Brüder Renátó und Leo waren die ersten, die wir besuchten. Auf einem mehr oder weniger brachliegenden Gelände, steht ein ebenso baufälliges Häuschen mit einem kaputten Vordach, zerborstenen Fenstern, und einem Baustil, der bei uns unweigerlich die berechtigten Zweifel aufkommen ließ, ob die Maurer, die dieses Häuschen einst errichtet haben, überhaupt eine Ausbildung hatten.

Der Zerfall, so erkennbar wie erschütternd. Und das traurige Schicksal, dass der 11-jährige Olivér vor ein paar Wochen auch noch aus der Schule geworfen wurde, traf nicht nur die Familie sehr schwer, sondern war auch für unseren 1. Vorsitzenden nicht wirklich nachvollziehbar. In Györgytarló wurde in den letzten 20 Jahren noch nie ein Kind aus der Schule geworfen, selbst die schwierigsten nicht. Bei einer Klassenstärke von vier bis max. zwölf Kindern, war eine solche Maßnahme bisher auch noch nicht wirklich notwendig. Aber die Zeiten ändern sich.  

Mit diesen sehr bewegenden Eindrücken waren wir dann im Anschluss daran, im völligen Kontrast dazu, bei den Gáspárs zu der Geburtstagfeier von Valentin eingeladen. Er feierte heute mit einem speziellen Erdbeerkuchen seinen 28. Geburtstag. Neben diesem leckeren Kuchen gab es natürlich auch wieder das Beste aus der Ungarischen Küche und ziemlich viel Leben und Zusammenleben. Todmüde, auch von der enormen Hitze, fielen wir bereits sehr früh, gegen 20.30 Uhr in unsere Betten.

Auch am fünften Tag machten uns die 38° Grad heißen Temperaturen, aber vor allem der unsäglich Kampf gegen die vielen Schnaken, sehr schwer zu schaffen. So begann der sportliche Teil heute bereits um 6.30 Uhr, weil unser Vorsitzender zusammen mit Liam auf jeden Fall noch die 2-Kilometer lange Strecke laufen wollte. Um ihn zu motivieren, und um selbst weiter für das Goldene Sportabzeichen zu trainieren, wollte er eine Strecke von 1,6 Kilometer genauso schnell walken wie Liam die zwei Kilometer rennen. Nach einem intensiven Koordinationstraining kam es zum ersten Duell, bei dem beide das Ziel gleichzeitig nach knapp 12 Minuten erreichten. Eine gute Zeit für diese enormen Temperaturen und Bedingungen.

Danach durfte sich unser neuer Freund Olivér auf seinen ersten Besuch im Schwimmbad freuen. In Sárospatak gibt es ein sehr schönes Freibad mit mittlerweile fünf Becken und einigen tollen Attraktionen für die Kinder. Damit der Junge überhaupt schwimmen konnte, kauften wir ihm in Sárospatak noch eine Badehose. Die Eintrittspreise des Schwimmbades sind allerdings gesalzen. Für drei Personen bezahlten wir fast 19 Euro Eintritt (!) – Im Vergleich dazu. Eine Eintrittskarte im Mannheimer Carl-Benz-Bad kostet gerade mal 2 Euro für Kinder. Im Schwimmbad durften wir natürlich keine Bilder machen, aber wir konnten Olivér dort wahrscheinlich einen der schönsten Tage seines Lebens schenken.

Der sechste Tag begann dann mit dem gewissen „Adrenalin-Wettkampf-Kribbeln“ im Bauch. Der 2-Kilometer-Lauf stand unmittelbar bevor, und mit der Hilfe von Olivér, der ja keine Schule hatte, aber am Lauf teilnehmen durfte, brachten wir zunächst einmal die vielen Preise zur Schule. Neben einem neuen Fußball, hatten wir auch viele Jeans, Trinkflaschen und T-Shirts dabei. Hierfür möchten wir in ganz besonders bei Engelbert Franz vom Wieslocher Marathon-Shop bedanken, der uns auch in diesem Jahr wieder viele Sachen für die Kinder schenkte. 

Damit auch die Schüler aus den Klassenstufen 1-4 laufen konnten, fanden am heutigen Vormittag gleich zwei Läufe statt. Die Kleinen, also die Grundschüler, sollten eine Strecke von knapp 1.000 Metern laufen, und im Anschluss daran die Hauptschüler die 2-Kilometerstrecke absolvieren.

Als Streckenposten bekamen wir sowohl Unterstützung von den Lehrern aus der Schule, als auch vom Bürgermeisteramt. So sicherten die Lehrer den vorderen Teil des Ortes, und István Oláh Junior übernahm mit seinem Team den hinteren Teil.

Nach einer Aufwärmrunde ging es los, und unser Vorsitzender schickte zunächst einmal die Kleinen auf die Strecke. Bei den Läufen selbst gab es sowohl Überraschungen, als auch ganz große Enttäuschungen. Während die Kleinen beim sich 1.000-Meterlauf noch mächtig ins Zeug legten, und die ersten zehn mit tollen Zeiten zwischen 5:40 Minuten und 7:20 Minuten ins Ziel rannten, divergierten beim 2-Kilometerlauf die Leistungen zwischen richtig gut und absolut indiskutabel. Ein kleiner Fauxpas auf der Strecke führte zwar dazu, dass die Schüler am Ende 2,6-Kilomter laufen mussten, was aber nichts daran änderte, dass die überwiegende Mehrheit der Schüler, vor allem sämtliche Schüler der siebten und achten Klasse mit absolut indiskutablen Zeiten zwischen 30 und 42 Minuten ins Ziel kamen.

Eigentlich haben wir gerade die Jungs der siebten Klasse als Titelfavoriten gesehen. Dass diese dann aber von Beginn an absolut ambitionslos spazieren gingen, und überhaupt keine Motivation zeigten, den Lauf gewinnen zu wollen, obwohl ihnen beim Erreichen einer Zeit von unter 9:00 Minuten ein Aufenthalt in Deutschland winkte, das stimmte unseren Vorsitzenden doch sehr traurig.

Klar, es war an diesem Morgen sehr heiß, und die Schnaken machten den Läufern schwer zu schaffen. Auch die Strecke, die ja teilweise über Tausende Schlaglöcher führte, war nicht einfach zu laufen. Das entschuldigt aber nicht die Tatsache, dass selbst sogar in einem kleinen 600-Einwohnerdorf wie Györgytarló der Interessenszerfall nicht nur bei den Schülern sehr schmerzhaft angekommen ist.

So hatte Liam, mit Ausnahme des fast 15-jährigen Richárd Barna, so gut wie keine Konkurrenten und konnte sich dadurch völlig überraschend und auch verdient auf den 2. Platz laufen und seinen ersten läuferischen Erfolg feiern. Was wir sonst noch alles auf unserer Freizeit erlebten, das erfahrt ihr in unserem dritten Teil.

 

Ergebnisse 2,6 Kilometer-Lauf:

1. 1. Richárd Barna 14:21 Minuten
2. 1. Liam Chappuis 14:57 Minuten
3. 2. Leo Horváth 15:26 Minuten
4. 2. Olivér Horváth 17:24 Minuten
5. 3. Mihály Takács 17:56 Minuten
6. 3. Kevin Horváth 18:49 Minuten

  

Ergebnisse 1.200 Meter-Lauf:

1. 1. Edmond Tóth 05:40 Minuten
2. 2. Dávid Szabó 05:41 Minuten
3. 1. Bence Koró 06:20 Minuten

 

Bilder: Alexander Höfer

 

 

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